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Mythos:Jeder Dicke ist verfressen und bewegungsfaul!

Wer kennt sie nicht, die geringschätzigen Blicke, die einen Frau begutachten, die „zuviel auf den Hüften“ hat.
Das Erste (und oft mals Einzige), was den meisten in bei dem Anblick in den Kopf schießt, sind Bewertungen der Art: „Boah, ist die aber fett! Die sollte einfach mal (mehr) Sport machen und einige Kilos abnehmen!“

Auf die (meiner Meinung nach kranken) Schönheitsideale, die unsere Gesellschaft schon ziemlich lange Zeit bestimmen (und die von schwulen Männern, nach deren Vorstellung von dem, was sie toll finden, für Frauen gemacht wird!) will ich an dieser Stelle erst mal nicht weiter eingehen. Wobei ich allerdings ergänzen möchte, dass ich einige schwule Freunde und keinerlei Berührungsängste oder dergleichen habe ;).
Allerdings sollte man sich schon etwas im klaren darüber sein, dass das knabenhafte Aussehen, was uns von Laufsteg als Schönheitsideal verkauft wird, das Schönheitsideal eines Mannes, der auf (das) Knaben(hafte) („männliche“) steht, ist, und eigentlich mit Weiblichkeit und weiblichen Formen eigentlich nix mehr gemein hat (wobei interessant wäre, wie ein Laufsteg von lesbischen Modedesignerinnen aussehen würde… *grübel* ).

Aber zurück zu unserer übergewichtigen Otto-Normal-Frau.

Viele Ursachen-noch mehr Vorurteile
Wenige scheinen sich außerhalb ihrer Vorurteile darüber Gedanken zu machen, was die Gründe für Übergewicht ist. Wozu denn auch?-Schließlich lernt ja schon jedes Kind, dass Fettleibigkeit ein Produkt falscher Lebensweise, sprich „falscher Ernährung“ und mangelnde Bewegung darstellt.
Völlig über Bord zu werfen ist das selbstverständlich nicht, wenn man sich unsere (gewandelten) Ernährungs- und Lebensgewohnheiten so ansieht…
Allerdings hat vor allen Dingen das Thema „Bewegungsmangel“ eine derartig anrüchige, negative und bewertende Konotation, dass sie jeden Menschen mit Übergewicht, egal mit welchen Hintergründen und Ursachen, in die Ecke von „faul(er Fettsack)“ rückt,

Was ich bei all dieser Diskussion um Vermeidung und Reduzierung von Adipositas vermisse, besonders in Bezug auf das Thema „Aufklärung“, ist das Schulen eines Bewusstseins dafür, dass die Ursachen wesentlich vielfältiger sind, als das einfache Abkanzeln auf „einfach zu faul um sich zu bewegen“.
So können genetische Faktoren ebenso eine Rolle spielen wie die Nebenwirkungen von Medikamenten (z.B. Antidepressiva, Insulin, Kortison/Kortikosteroide, natürlich auch hormonelle Verhütungsmittel (z.B. die Pille), Beta-Blocker oder Neuroleptika) oder Erkrankungen z.B. des Hormonsystems oder des Fettstoffwechsels.

Das sind jedoch alles Dinge die, wenn schon nicht in der Öffentlichkeit, so doch bei den meisten Ärzten bekannt sein sollten. – Nun. Hoffe ich zumindest. Aber aus eigener Erfahrung weiss ich leider, dass dem nicht unbedingt so ist, sondern eben doch noch gern (zumindest von Allgemeinmedizinern) die Ursache ausschließlich im Ess-und Bewegungsverhalten ihres Patienten verortet wird, und so viele Menschen eben einfach nur mit solch hilfreichen Kommentaren abgespeist werden á la: „Essen Sie weniger (Süßigkeiten) und bewegen Sie sich mehr. Dann reguliert sich das von ganz alleine.“
Das dies oft zu einem Fehlschluss und somit zu einer Fehldiagnose und einer falschen Behandlung führt… Interessiert wohl die aller wenigsten.

Eine der Krankheiten, die durch so ein ignorantes und (meines Erachtens) fahrlässiges Verhalten meist (viel) zu spät diagnostiziert wird, ist das Lipödem.


Lipödem?!-Wat´n dat´n?!

Hält man sich vor Augen, dass jede 9. Frau (d.h. etwa 3,5 Millionen Frauen!) in Deutschland ein Lipödem hat, dann könnte man schon ein wenig ins Staunen geraten, dass von dieser Krankheit die aller wenigstens Ärzte wissen (wollen) und das natürlich auch innerhalb unserer Gesellschaft eigentlich so gut wie unbekannt ist.
„Outet“ man sich im Freundes, Bekannten oder Familienkreis, so sind einem in der Regel die Fragezeichen in den Gesichtern sicher, sollte es nicht der Zufall wollen, und man hat eine/n Physio oder Masseuer/in in den Reihen, denen solches durch den Lymphdrainage-Unterricht/-Kurs bekannt ist.

Viele (auch Ärzte) glauben selbst dann noch, dass es sich um ein schlichtes Übergewicht handelt, dass sich durch genügend Sport und eine Ernährungsumstellung überwinden lässt und es sich eben nicht um eine eigenständige Erkrankung handelt.
Das ist jedoch falsch.
Das Lipödem IST eine (behandlungsbedürftige, chronische) Krankheit, die in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (kurz: ICD-10) der WHO unter dem Diagnose-Schlüssel R60.9 (= nicht näher bezeichnetes Ödem) fällt.

Allerdings ist es kaum abzustreiten, dass ein Lipödem und ernährungsbedingtes Übergewicht zusammentreffen und dann natürlich ein noch brisanteres „Team“ bilden, denn nicht selten kommt es auf Grund der psychischen Belastung zum Frustessen.
Das mag vielleicht verständlich werden, wenn man sich überlegt, was sich Menschen einem Lipödem ausgesetzt sehen:

Nicht nur, dass sie von ihren Mitmenschen oft ausgegrenzt und verspottet werden, hinzukommen oft unsagbare Schmerzen (denn Lipödeme sind im Gegensatz zu Fettpolstern bei „normalem“ Übergewicht schmerzhaft), eingeschränke Beweglichkeit, ständiger Frust beim Kleidungskauf und zu letzt auch noch die Abstempelung als faule und gefräßige Jammerbüddel durch den Arzt/die Ärztin, von dem/der man sich eigentlich Hilfe erhofft.
Die Summe dieser Dinge macht es, dass die betroffenen Frauen (und wenigen Männer) resignieren.

Soweit so gut.
Aber was ist denn nun eigentlich das Lipödem?
Wie schon gesagt handelt es sich dabei um eine progrediente (=fortschreitende), chronische und daher auch therapiebedürftige Erkrankung, die in aller erster Linie Frauen betrifft.
Auch Männer können von einem Lipödem betroffen sein, allerdings in der Regel nur bei ausgeprägten hormonellen Störungen.
Umgangssprachlich wird das Lipödem auch als „Reiterhosen-Syndrom“,“Säulenbein“ oder auch „Reithosenfettsuch“ genannt.

Bei einem Lipödem kommt es zu einer diffusen symmetrischen Vermehrung von Fettgewebe an den Extremitäten, wobei primär das Gesäß und die Beine betroffen sind, wobei sich die massivste Ausprägung in der Regel an den Oberschenkeln befindet.
In Extremfällen kann es sich auch von den Beckenkämmen bis zu den oberen Sprunggelenken erstrecken.
Die Füße sind dabei nicht betroffen.
In manchen Fällen können auch die oberen Extremitäten betroffen sein, wobei sich die Verteilung des Fettes ähnlich gestaltet und die Hände grundsätzlich nicht betroffen sind.
Zusätzlich zum Lipödem haben etwa die Hälfte der betroffenen Frauen in der Regel Adipositas, wobei noch mal darauf hinzuweisen ist, dass es sich bei einem Lipödem und bei Adipositas um zwei verschiedene Dinge handelt.

Typisch sind neben der Symmetrie der Fettverteilung außerdem:

  • eine völlige Resistenz gegenüber Bewegung (Sport) und Ernährungsumstellung (Diät)
  • Schmerzen bei Druck und Berührung, Spannungsschmerzen (wobei die Ursachen der Schmerzen bisher unbekannt sind)
  • Wassereinlagerungen im Bereich des Lipödems, in der Regel in der zweiten Tageshälfte, langes Stehen/Sitzen und hohen Temperaturen
  • Schnelle Hämatom-Bildung (Blauer Fleck) schon bei geringen Verletzungen

Ursachen:
Die tatsächliche Ursache des Lipödems ist heute noch unklar.
Allerdings scheinen folgende Punkte bisher bekannt zu sein:
Ein Lipödem tritt allerfrühestens mit dem Eintritt in die Pubertät und sehr häufig auch im Zusammenhang mit einer Schwangerschaft, so das hormonelle Ursachen für das Auftreten des Lipödems in Betracht gezogen werden.
Die Altersgruppe, in der es auftauchen kann, umfasst einen Zeitraum vom 20. bis 40. Lebensjahr.
Neben den hormonellen Ursachen scheint es Hinweise darauf zu geben, dass auch starke psychische Krisen als Auslöser eines Lipödems wirken können. Darüber hinaus kann es natürllich auch im Gegenzug zu starken psychischen Erkrankungen auf Grund der Ausbildungs des Lipödems kommen, angefangen von Depressionen bis hin zu Magersucht, Bulemie usw.

Der fortschreitende Verlauf eines Lipödems ist stark individuell und lässt sich nicht prognostizieren.

Therapie:
Da die tatsächlichen Ursachen des Lipödems unklar sind, gestaltet sich natürlich auch eine Behebung der Ursache durch Therapien als sehr schwierig.
Grundsätzlich wird jedoch eine Reduzierung des Gewichtes angestrebt, weil ein erhöhtes Gewicht ein Lipödem natürlich begünstigt.
Derzeitig bestehen jedoch die Hauptziele einer Therapie von Lipödemen in der Besserung oder (wenn möglich) Beseitigung der Beschwerden und ggf. eine Reduktion des Fettgewebes.
Letzteres Ziel kann bisher nur durch eine Lipsuktion, sprich dem Absaugen der Fettzellen, erreicht werden, wobei auch hier wieder sehr starke Kämpfe auf die Betroffenen warten, weil die Liposuktion als eine (wohl auch recht erfolgreiche Form der) Therapie von den gesetzlichen Krankenkassen nicht anerkannt wird.
Es gibt jedoch unterschiedliche Gerichtsurteile, in denen Klägerinnen gegen zahlungsunwillige Krankenkassen gewonnen haben und diese die vollen Konsten für die Liposuktion übernehmen mussten.
Für das erste Ziel, sprich die Besserung/Beseitung der Beschwerden wird in aller erster Linie die konservative Therapie in Form der sog. Komplexen Physikalischen Entstauungstherapie (kurz: KPE) angewandt.
Dies bedeutet für die Patientin das Anmessen von Kompressionsstrüpfen/-strumpfhose, Manuelle Lymphdrainage, Bewegung und Hautpflege.
Eigentlich dient Lymphdrainage dazu, angesammelte Gewebsflüssigkeit zum abfließen anzuregen. Beim Lipödem ist es jedoch nicht möglich, allerdings wurde festgestellt, dass (aus momentan noch unbekannten Gründen) die Lymphdrainage auch bei den Beschwerden des Lipödems hilfreich ist.

Soweit der etwas oberflächliche Abriss zu dem recht komplexen und tatsächlich auch etwas rätselhaften Krankheitsbild des Lipödems.

Ich würde mir wünschen, dass mehr von dem, was im Internet mittlerweile an Arbeit zur Aufklärung über das Lipödem geleistet wird, auch großflächiger in der Öffentlichkeit bekannt wird, und das vor allen Dingen neben der Aufklärung und Prävention von Adipositas auf ein Bewusstsein dafür geschärft wird, dass es chronische Erkrankungen wie das Lipödem gibt, die sehr leicht für Adipositas gehalten werden können, aber es nicht sind.
Und es wäre vor allen Dingen endlich auch an der Zeit, dass auch die ärztliche Versorgung, und das Ernstnehmen solch einer Erkrankung  durch die Ärzte, für Betroffene besser wird.
So auch mein kleiner Appell an alle LeserInnen:
Wenn Ihr Euch von den hier beschriebenen Symptomen angesprochen fühlt, wenn Ihr an Hand der Bilder Ähnlichkeiten zu Eurer Figur fest stellt, und ihr Beschwerden habt, lasst Euch nicht abspeisen mit dem Kommentar: „Nehmen Sie ab!“
Such Euch einen anderen Arzt und lasst es abklären, denn nur so kann Euch tatsächlich geholfen und eine Besserung oder gar Beseitigung Eurer Beschwerden erreicht werden.
Nehmt Euer Recht auf eine gute gesundheitliche Versorgung in Anspruch, denn ein Lipödem ist eben nicht nur eben mal eine leichte Erkrankung, die vorübergeht.

Für weitere Infos und Fotos, hab ich unten ein paar Links zusammen gestellt.

LG
Siat

Das Lipödem
Verein zur Förderung der Lymphoedemtherapie e.V.
Lipoedemikerinnen
Lipödem-Diagnose
Lipoedem Hilfe e.V.
Deutsche Gefäßliga-Das Lipödem

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